
Der kleine schwarze Fisch

Samad Behrangi
Es war in der
vierzigsten Winternacht; in der Tiefe des Sees hatte Großmutter Fisch 12000
ihre Kinder und Enkelkinder um sich versammelt, um ihnen ein Märchen zu
erzählen:

Es war einmal ein kleiner schwarzer Fisch.
Er lebte mit seiner Mutter in einem Bach, der aus Felswänden sprang und in
das Tal hinabstürzte.
Ihr Haus lag hinter einem schwarzen Stein und war mit einer Algendecke
bedeckt, unter der sie nachts schliefen.
Seit eh und je sehnte sich der kleine Fisch danach, den Mond in ihrem
dunklen Haus erstrahlen zu sehen und sei es auch nur für ein einziges Mal.
Von morgens bis abends schwammen Mutter und Kind zusammen, trafen sich ab
und an mit den anderen Fischen und flitzten in dem engen Gewässer hin und her.
Der kleine schwarze Fisch war ein Einzelkind.
Von den zehntausend Eiern, die die Mutter gelegt hatte, war es als einziges
gesund am Leben geblieben.

Seit einigen Tagen war der kleine Fisch nachdenklich.
Er sprach sehr wenig.
Lustlos und träge glitt er auf und ab und blieb oft hinter seiner Mutter
zurück.
Mutter Fisch sorgte sich um ihr Junges und dachte, er sei ein bisschen
krank und würde bald wieder gesund werden.
Der kleine schwarze Fisch aber war nicht krank, ihm fehlte etwas ganz anderes.
Eines frühen Morgens, noch war die Sonne nicht aufgegangen, weckte der
kleine Fisch seine Mutter:

"Mutter, ich muß mit dir sprechen!"
Die Mutter war noch schläfrig und erwiderte ihm:
"Liebes Kind, muß das ausgerechnet jetzt sein? Das hat doch
Zeit, wollen wir jetzt nicht lieber zuerst einmal spazierenschwimmen?"
"Nein, Mutter, ich kann nicht mehr spazierenschwimmen, ich muß fort
von hier."
"Mußt du unbedingt fort?"
"Ja, Mutter, ich muß fort."
"Aber wohin willst du denn zu so früher Stunde?"
Der kleine schwarze Fisch erwiderte:
"Ich will herausfinden, wo das Ende des Baches ist. Weißt du
Mutter, ich beschäftige mich schon mehrere Monate mit der Frage, wo er endet
doch bis heute habe ich keine Antwort darauf gefunden; die ganze Nacht habe ich
kein Auge zugemacht und habe ständig hin und her überlegt. Jetzt bin ich
entschlossen, mich selbst auf den Weg zu machen, um die Mündung zu finden. Ich
möchte gerne wissen, was es andererorts alles gibt."
Die Mutter lachte:
"In deinem Alter hatte ich ähnliche Gedanken, mein Kind. Der Bach hat
doch keinen Anfang und kein Ende, das hier ist alles, der Bach fließt und
fließt und endet nirgends."
Der kleine Fisch antwortete:
"Liebe Mutter, alles hat doch ein Ende, der Tag, die Nacht, der Monat,
das Jahr ... ."
Die Mutter unterbrach ihn:
"Schwing nicht so große Reden, steh lieber auf, jetzt wird
spazierengeschwommen und nicht gequasselt."
"Nein, Mutter, es langweilt mich, immer nur auf und ab zu schwimmen,
ich mache mich auf den Weg, um herauszufinden, was es alles gibt. Vielleicht
denkst du, jemand hat deinem kleinen Sohn diese Gedanken eingeredet. Du musst aber wissen, dass ich mir darüber schon sehr lange den Kopf
zerbreche. Natürlich habe ich auch manches von anderen gelernt, zum Beispiel,
dass die meisten Fische im Alter sich über die Sinnlosigkeit ihres Daseins
beklagen. Ständig
jammern sie und verwünschen alles und jedes. Ich aber will erfahren, ob Leben
tatsächlich nur heißen kann, in diesem engen Gewässer auf und ab zu schwimmen,
bis man alt wird,oder ob man auf der Welt auch anders leben kann."
Die Mutter antwortete erregt:
"Liebes Kind ich glaube du spinnst wohl. Was soll das: Die
Welt, die Welt! Die Welt ist nur hier, wo wir sind, und das Leben ist nur das,
was wir führen."
Inzwischen war ein großer Fisch herangeschwommen und rief neugierig:
"Hallo, Frau Nachbarin, worüber streitest du dich mit deinem Sohn? Es scheint
so, als wolltet ihr heute überhaupt nicht spazierenschwimmen."
Die Mutter trat jammernd aus dem Haus:
"Wir leben vielleicht in einem komischen Zeitalter heute, Kinder
wollen ihre Mutter belehren."
"Wieso
denn?"
"Stell dir vor, was dieser Knirps hier unternehmen will, erleben will,
er liegt mir die ganze Zeit in den Ohren, dass er die Welt erkunden will. Was für
hochtrabende Worte!"
Die Nachbarin wandte sich an den kleinen schwarzen Fisch:
"Hör mal, Kleiner, seit wann bist du unter die Weisen und Philosophen
gegangen und hast uns nichts davon erzählt?"
Der kleine Fisch gab zur Antwort:
"Frau Nachbarin, ich weiß nicht, was Sie unter einem Weisen und
Philosophen verstehen, ich weiß nur, dass mich diese ewigen täglichen
Spaziergänge langweilen, ich möchte nicht einfach sinnlos dahinleben und eines
Tages bemerken, dass ich alt geworden bin, wie Ihr und derselbe dumme Fisch mit
Scheuklappen geblieben bin."
Die Nachbarin staunte:
"Oho, welche Töne."
Die Mutter schimpfte:
"Ich hätte nie geglaubt dass mein einziges Kind sich so entpuppt, ich
weiß nicht, welcher Bösewicht mein braves Kind verführt hat."
"Niemand hat mich verführt, ich selber habe Verstand, habe Augen und
kann sehen."
Die Nachbarin flüsterte der Mutter zu:
"Schwester, erinnern Sie sich an jene windige Schnecke?"
"Ja das ist es, Sie haben recht, sie machte sich oft an mein Kind
heran, Gott möge sie strafen."
Der kleine Fisch empörte sich:
"Hör auf, Mutter, sie war meine Freundin."
Die Mutter spottete:
"Freundschaft zwischen einem Fisch und einer Schnecke, hat man so was schon
gehört?"
"Ich habe aber auch noch nicht von einer Feindschaft zwischen Fisch
und Schnecke, gehört, ihr aber habt versucht, sie zu ertränken."
Die Nachbarin schnitt ihm das Wort ab:
"Das gehört nicht hierher, das ist schon
vergangen und vergessen."
"Ihr habt selbst mit der Vergangenheit angefangen."
"Hätten wir sie nur getötet, hast du denn vergessen, was sie alles
verbreitete?"
"Dann müsst ihr mich auch töten, denn ich
verbreite genau dasselbe."
Hier unterbrach Großmutter Fisch und sagte:
"Was soll ich noch länger darüber reden ... ."
Der Streit lockte andere Fische heran.

Die Worte des Kleinen hatten alle in Wut versetzt.
Ein alter Fisch fragte böse:
"Glaubst du, wir werden mit jemandem wie dir Erbarmen haben?"
Ein anderer riet:
"Man muß ihm nur ein bisschen die Ohren lang
ziehen."
Die Mutter drohte:
"Geht zur Seite, laßt mein Kind in Ruhe!"

"Hören Sie, Frau Fisch, wenn Sie ihr Kind nicht so erziehen können,
wie es sich gehört, müssen Sie dafür büßen."
Die Nachbarin sagte:
"Ich schäme mich ja richtig in ihrer
Nachbarschaft zu wohnen."
"Damit es mit ihm nicht schlimmer wird, sollten wir ihn
zur alten Schnecke verbannen."
Aber als viele Fische auf ihn zu stürzten, um ihn zu fangen scharten sich
seine Freunde um ihn und retteten ihn aus der Klemme.

Die Mutter schlug die Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus:
"O weh mein Kind geht mir verloren, was soll ich
tun!"
Der kleine schwarze Fisch aber rief:
"Mutter, weine nicht um mich, sondern um diese
armseligen alten Fische!"
Ein Fisch sagt:
"Beleidige uns nicht, kleiner Knirps!"
Ein Zweiter:
"Versuch nur reuevoll zurückzukommen, wir werden
dich nicht mehr aufnehmen."
Ein Dritter:
"Das sind doch nur Launen der Jugend, geh
nicht."
Ein Vierter:
"Was fehlt dir denn hier?"
Ein Fünfter:
"Komm doch zurück, es gibt keine andere
Welt!"
Ein Sechster:
"Du kannst uns von deiner Klugheit erst dann
überzeugen, wenn du zur Vernunft kommst und hierbleibst."
Ein Siebter:
"Wir haben uns doch schließlich an dich
gewöhnt."
Und seine Mutter jammerte:
"... hab Erbarmen mit mir, bitte, geh nicht ... ."
Aber der kleine Fisch hat mit ihnen nichts mehr zu besprechen.
Einige seiner gleichaltrigen Freunde begleiteten ihn bis zum Wasserfall und
kehrten dann zurück.

Beim Abschied sagte der kleine schwarze Fisch:
"Freunde, auf Wiedersehen, vergesst mich
nicht!"
Sie antworteten:
"Wie könnten wir das, denn du hast uns ja die
Augen geöffnet und uns Dinge gelehrt, über die wir uns vorher noch nie Gedanken
gemacht hatten. Auf Wiedersehen, kluger und tapferer Freund."
Unser schwarzer Fisch ließ sich mit dem Wasserfall hinunter in einen
kleinen Teich stürzen.

Zuerst war er wie benommen, dann begann er zu schwimmen und zog große
Schleifen um den Teich.
In seinem ganzen Leben hatte er noch nie soviel Wasser auf einmal gesehen.
Es wimmelte hier von Tausenden von Kaulquappen.

Als sie den kleinen schwarzen Fisch erblickten, höhnten sie:
"Seht doch mal den da!"
"Was für ein komisches Tier bist du denn?"
Er schaute sie scharf an und sagte:
"Werdet bitte nicht so boshaft, ich heiße der
kleine schwarze Fisch. Wie ist denn euer Name?"
Eine der Kaulquappen stellte sich vor:
"Wir nennen uns Kaulquappen."
Eine andere ergänzte:
"Von edlem und hochwohlgeborenem
Geschlecht."
Eine dritte:
"Schönere Wesen als uns gibt es nicht auf der
Welt."
Und eine vierte fügte hinzu:
"Ja, wir sind nicht so hässlich und missgestaltet
wie du."
Der schwarze Fisch erwiderte:
"Wer hätte gedacht, dass ihr so eitel seid. Doch das
stört mich nicht, ich verzeihe euch, denn ihr redet aus Unwissenheit."
Wie in einem Chor riefen die Kaulquappen:
"Soll das heißen, dass wir dumm sind?"
"Ja", sagte der kleine schwarze Fisch,
"wenn ihr nicht unwissend wäret, dann wüsstet ihr, dass es auf der Welt
viele Wesen gibt, die sich für gar nicht hässlich halten. Nicht einmal
euer Name zeigt, was ihr wirklich seid."
Die Kaulquappen gerieten in Wut, doch als sie sahen, dass der kleine Fisch
recht hatte und sie ihn nicht widerlegen konnten, versuchten sie es von einer
anderen Seite:
"Du machst viel Lärm um nichts, wir durchwandern
täglich die Welt, aber bisher haben wir außer uns und unseren Elter kein anderes
Wesen zu Gesicht bekommen, ausgenommen die kleinen Würmer, aber die zählen ja
sowieso nicht."
"Wie könnt ihr von einer Weltwanderung sprechen, wenn ihr nicht einmal
aus eurem kleinen Teich herausgekommen seid."
"Gibt es denn eine andere Welt außerhalb unseres
Teiches?"
"Zumindest müsst ihr euch überlegen, woher das
Wasser kommt und was es draußen noch alles gibt."
"Wo ist denn das, außerhalb des Wassers, so etwas
haben wir noch nie gesehen."
"Hahaha, er spinnt ja!"
Der kleine schwarze Fisch musste mitlachen.
Er dachte bei sich, dass es klüger sei, die Kaulquappen jetzt in Ruhe zu
lassen und lieber ein Wort mit ihrer Mutter zu wechseln und dann weiter
zuschwimmen.
Deshalb stellte er die Frage:
"Wo ist denn eure Mutter?"
Das schrille Quaken eines Frosches ließ ihn zusammenzucken.

Der Frosch saß auf einem Stein am Rande des Teiches; er sprang in das
Wasser und schwamm auf den kleinen Fisch zu.
"Hier bin ich, was wünscht der Herr."
Höflich erwiderte der Fisch:
"Guten Tag, ehrwürdige Frau."
Der Frosch wütete:
"Was redest du so allwissend, du primitives
Wesen. Glaubst
du, du hast mit primitiven Kindern zu tun und kannst hier große Worte
schwingen? Ich habe nun bei Gott lange genug gelebt, um zu wissen, dass die
Welt nur dieser Teich ist; es ist besser für dich, du gehst deiner eigenen Wege
und bringst meine Kinder nicht auf die Schiefe Bahn!"
Der kleine Fisch erwiderte:
"Auch, wenn du hundert Jahre lebst, du bist und
bleibst ein dummer, armseliger Frosch."
Der Frosch wurde gelb vor Zorn, sprang auf ihn zu, er aber glitt schnell
zur Seite, flitzte wie der Blitz davon und wirbelte den Schlamm und die Würmer
des Teiches auf.
Das Tal zog sich voller Windungen dahin, der Bach hatte sich zusehends
verbreitert, von oben aber schimmerte er in der Tiefe des Tales wie ein
silbriger Faden.
Das Wasser teilte sich und umfloss einen Steinbrocken, der sich einst von
einem Felsen gelöst und in die Tiefe gestürzt war.
Eine handgroße Eidechse lag bäuchlings auf dem Stein und sonnte sich.
Sie beobachtete einen fetten Krebs, der auf dem sandigen Bachgrund
genüsslich seine Beute - einen kleinen Frosch - verspeiste.

Der kleine Fisch erschrak, als sein Blick plötzlich auf den Krebs fiel.
Er grüßte aus der Entfernung.
Der Krebs warf ihm einen tückischen Blick aus den Augenwinkeln zu:
"Welch ein höflicher Fisch. Nähere dich
unbesorgt, mein Kleiner."
"Ich habe eine Weltwanderung vor und möchte nicht
gerne die nächste Mahlzeit von Ihnen sein."
"Warum bist du misstrauisch und ängstlich,
kleiner Fisch?"
"Ich bin weder misstrauisch noch ängstlich, mein
Mund spricht was meine Augen sehen und mein Verstand mir rät."
Der Krebs spottete:
"Gut, würdet ihr die Güte haben, mir zu erklären,
wieso euer Auge sieht und euer Verstand rät, dass ich euch zu verspeisen
gedenke?"
"Stell dich doch bloß nicht so harmlos!"
"Ach so, du meinst wohl diesen Frosch, sei doch
nicht so kindisch, mein Kleiner, ich stehe mit den Fröschen auf dem Kriegsfuß. Ich jage sie, weil
sie sich einbilden, sie seien die einzigen und glücklichsten Wesen auf der
Welt, und ich will ihnen zeigen, in wessen Händen die Welt wirklich liegt,
darum brauchst du, mein Herz, keine Angst vor mir zu haben, komm nur näher,
komm!"
Bei diesen Worten setzte sich der Krebs langsam in Richtung auf den kleinen
Fisch in Bewegung.

Der unbeholfene Gang des Krebses aber reizte ihn unwillkürlich zum Lachen:
"Armes Wesen, wenn du nicht einmal richtig laufen
kannst, woher willst du wissen, in wessen Händen die Welt liegt?"
Und der kleine Fisch zog sich vorsichtig zurück.
Ein Schatten fiel auf das Wasser; ein großer Stein traf den Krebs auf den
Kopf und drückte ihn in den Sand.
Bei diesem Anblick musste die Eidechse so heftig lachen, dass sie ins
rutschen geriet und beinahe ins Wasser fiel.
Der Krebs aber konnte sich nicht mehr aus dem Sand befreien.
Wer möchte den Stein geworfen haben?
Der kleine schwarze Fisch bemerkte einen Hirtenjungen am Ufer des Flusses,
der gespannt Krebs und Fisch beobachte.
Eine Herde von Schafen und Ziegen näherte sich dem Fluss.
Sie tauchten ihre Köpfe durstig in das Wasser.
Die Laute der Tiere hallten im ganzen Tal wider.
Unser kleiner Fisch wartete, bis die Ziegen und Schafe ihren Durst gelöscht
und sich entfernt hatten, dann schwamm er hinüber zur Eidechse und fragte sie:
"Liebe Eidechse, ich heiße der kleine schwarze
Fisch, und ich will bis an das Ende des Flusses vordringen; ich glaube, du bist
weise, darum will ich dich etwas fragen."
"Bitte schön, du kannst mich fragen, was du
möchtest."
"Unterwegs haben mich viele vor dem Pelikan, dem
Sägefisch und dem Kormoran gewarnt. Wenn du darüber etwas
weißt, dann erzähle es mir bitte."
Die Eidechse erzählte:
"Den Kormoran und den Sägefisch gibt es in dieser
Gegend nicht, vor allem den Sägefisch, denn er lebt ja im Meer, den Pelikan
triffst du vielleicht hier, gib acht auf ihn. Hütte dich vor seiner
Listigkeit und seinem gefährlichen Beutel!"

"Welcher Beutel denn, fragte der Fisch
erstaunt."
Die Eidechse gab zur Antwort:
"Der Pelikan hat unter dem Schnabel einen Beutel,
der sehr viel Wasser speichern kann. Er hält seinen
offenen Schnabel ins Wasser, die Fische gleiten ahnungslos in seinen Beutel und
wandern direkt in seinen Bauch. Aber wenn der Pelikan nicht gerade hungrig ist,
bewahrt er die Fische in seinem Beutel und frisst sie zur nächsten
Mahlzeit."
"Wenn nun ein Fisch in seinen Beutel gelangt,
gibt es für ihn gar keine Hoffnung, doch noch zu entkommen?"
"Es gibt nur einen Weg. Du musst den
Beutel zerreißen. Ich gebe dir für alle Fälle einen Dolch mit auf den Weg.
Damit kannst du dich aus der Gefangenschaft befreien."
Die Eidechse glitt flink in eine Steinritze und kam mit einem winzigen
Dolch zurück.

"Liebe Eidechse", bedankte sich der kleine
Fisch und nahm die Waffe entgegen, "du bist sehr nett, ich weiss nicht,
wie ich mich bei dir bedanken soll."
"Du brauchst dich nicht zu bedanken", sagte
die Eidechse, "ich besitze eine Menge solcher Dolche; wenn ich gerade Zeit
habe, setze ich mich hin, und fertige sie aus Dornen und gebe sie solchen
klugen Fischen, wie dir."
Erstaunt fraget der kleine Fisch:
"sind denn vor mir schon andere Fische denselben
Weg geschwommen?"
"Viele, sehr viele! " erwiderte die Eidechse,
"sie bilden jetzt bestimmt schon einen großen Schwarm, der den Fischer in
Bedrängnis bringt."
"Verzeih, liebe Eidechse, wenn eine Frage
sogleich eine andere nach sich zieht. Sieh es mir bitte
nicht als Frechheit an, wenn ich wissen möchte, wieso Fische den Fischer in die
Enge getrieben haben."
Die Eidechse gab zur Antwort:
"Da sie fest zusammenhalten, können sie das Netz
des Fischers, wenn er es auswirft, in die tiefe des Meeres reissen."
Dann legte die Eidechse ihr Ohr an eine Steinritze und horchte:
"Verzeih bitte, kleiner schwarzer Fisch, ich muss
jetzt gehen, meine Kinder sind gerade aufgewacht."
Sie glitt in den Steinschlitz.
So brach denn der kleine Fisch auch auf, obwohl er gerne noch länger
geblieben wäre.
Frage auf Frage schoss ihm durch den Kopf:
Wird der Fluss wirklich in das Meer münden?
Was geschieht, wenn der Pelikan der Stärkere ist?
Kann der Sägefisch es tatsächlich übers Herz bringen, seine eigenen
Artgenossen zu fressen?
Warum denn steht der Kormoran in Feindschaft mit uns?
Er grübelte und grübelte und schwamm dabei immer weiter.
Bei jedem Schritt vorwärts, gewahrte er neue Dinge und lernte von ihnen.
Es war für ihn jetzt ein richtiges Vergnügen, sich die Wasserfälle
herunterpurzeln zu lassen.
Die Wärme der Sonne, die er auf seinem Rücken spürte, gab ihm Kraft.
Irgendwo unterwegs trank eine Gazelle hastig Wasser.

Er grüsste sie:
"Schöne Gazelle, warum hasst du es so
eilig?"
"Der Jäger ist hinter mir her, er hat mich
angeschossen, schau her."
Der kleine Fisch konnte die Wunde zwar nicht sehen, aber an dem hinkenden
Gang der Gazelle merkte er, dass es stimmte.
An einer anderen Stelle dösten die Schildkröten vor sich hin, und später
hörte er den Widerhall des Rebhuhn Gelächters im Tal.

Der Duft von Gebirgskräutern schwebte in der Luft und mischte sich mit dem
Wasser.
Nachmittags gelangte er dahin, wo der Fluss sich verbreiterte und unter
Büschen dahinfloss.
Das Wasser war so viel geworden, dass der kleine schwarze Fisch es
ausgiebig genießen konnte.
Dann begegnete er vielen anderen Fischen.

Seit dem Abschied von seiner Mutter hatte er keine mehr zu Gesicht
bekommen.
Einige winzige Fische umschwärmten ihn neugierig:
"Du bist wohl fremd hier, nicht wahr?"
"Ja, ich bin fremd und habe einen langen Weg
hinter mir."
"Wohin willst du denn?"
"Ich bin auf der Suche nach dem Ende des
Baches."
"Welchen Bach meinst du?"
"Diesen hier, in dem wir schwimmen."
"Wir nennen das hier aber Fluss."
Der schwarze Fisch
schwieg.
Ein Fischchen stellte die Frage:
"Weißt du denn überhaupt schon, dass der Pelikan
unterwegs wartet?"
"Ja, das weiss ich."
Und ein Anderer:
"Weißt du das auch, dass er einen ganz schön
grossen Fangbeutel hat?"
"Ja, das weiss ich auch."
"Und du willst trotzdem weiterschwimmen?"
"Ich muss gehen", sagte der schwarze Fisch
ernst, "auf jeden Fall."
Bald darauf verbreitete sich die Nachricht unter den Fischen, dass ein
schwarzer Artgenosse, von weit herkommend, bis an das Ende des Flusses
schwimmen wolle und sich nicht einmal vor dem Pelikan fürchte.
Ein paar winzige Fische kamen in Versuchung, mit ihm zu gehen, doch aus
lauter Angst vor den Alten hielten sie es geheim.
Einige meinten bedauernd:
"Wenn es nur den Pelikan nicht gäbe, würden wir
mit dir kommen, doch wir fürchten uns vor seinem Beutel."
Der Fluss zog an einem Dorf entlang.
Frauen und Mädchen wuschen Wäsche und Geschirr im Wasser.
Der kleine schwarze Fisch beobachtete badende Kinder.
Dann machte er sich wieder auf den Weg.
Er schwamm, schwamm und schwamm, bis die Nacht hereinbrach.
Er legte sich unter einen Stein zum Schlafen.
Um Mitternacht erwachte er und sah, wie sich der Mond im Wasser spiegelte
und alles in seinen Silberglanz tauchte.

Der kleine schwarze Fisch liebte den Mond sehr; zu Hause- in schönen
Mondnächten - hatte er sich immer gewünscht, er dürfe aus seinem engen
Algenhaus herauskommen und mit ihm sprechen, doch seine Mutter war jedes Mal
erwacht und hatte ihn unter die Algen zurückgezerrt und zum Schlafen gezwungen.
Jetzt schwamm der kleine Fisch zum Mond und sagte:
"Guten Abend, mein schöner Mond."

"Guten Abend, kleiner schwarzer Fisch",
antwortete der Mond, "was machst du denn hier?"
"Ich unternehme eine Weltreise."
"Die Welt ist zu gross, du kannst sie nicht ganz
bewandern."
"Das macht nichts, ich werde soweit gehen, wie
ich kann."
Der Mond sagte ahnungsvoll:
"Ich wäre gerne bis morgen früh bei dir
geblieben, doch eine grosse schwarze Wolke kommt auf mich zu und will mein
Licht verdunkeln."
"Schöner Mond, ich liebe deinen Schein so sehr
und wünschte, du würdest mich immer bestrahlen."
"Lieber schwarzer Fisch, in Wahrheit habe ich gar
kein eigenes Licht, die Sonne leiht mir ihres, und ich strahle es auf die Erde
weiter. Hast
du eigentlich gehört, das die Menschen auf mir landen?"
"Das ist doch unmöglich", sagte der schwarze
Fisch.
"Es ist schwer" antwortete der Mond,
"aber was sich die Menschen nun mal in den Kopf gesetzt haben ... ."
Der Mond kam nicht dazu, seinen Satz zu beenden, die schwarze Wolke
verdeckte ihn, wieder war alles dunkel und der kleine Fisch mutterseelenallein.
Wie erstarrt schaut er für einige Augenblicke in die Dunkelheit, dann
schlüpfte er unter den Stein und schlief weiter.
Als er morgens früh erwachte, hörte er einige winzige Fische in seiner Nähe
flüstern.
Sobald diese bemerkten, dass er die Augen öffnete, riefen sie im Chor:
"Guten
Morgen!"

Der kleine schwarze Fisch erkannte sie sofort und erwiderte:
"Guten Morgen, wollt ihr also doch noch
mitkommen?"
"Jawohl", sagte ein winziger Fisch,
"doch unsere Angst sind wir noch nicht ganz los."
Ein anderer ergänzte:
"Der Gedanke an den Pelikan lässt uns keine
Ruhe."
Der schwarze Fisch gab zur Antwort:
"Ihr denkt und denkt, man darf nicht bloß hin und
her überlegen, nur wenn wir uns auf den Weg machen, werden wir unsere Angst
ganz verlieren."
In dem Augenblick, als sie ausbrechen wollten, geriet das Wasser um sie
herum in Bewegung, und grosse Wellen schlugen über ihnen zusammen.
Ein Deckel sperrte sie ein, es wurde Nacht, und es blieb kein Ausweg zu
entkommen.

Der schwarze Fisch wusste sofort, dass sie im Beutel des Pelikans gefangen
waren, und tröstete darum seine Kameraden:
"Freunde, wir sind im Pelikanbeutel, doch Wege
zur Flucht sind nicht völlig ausgeschlossen."
Die winzigen Fische begannen zu weinen und zu jammern:
"Es gibt keine Hoffnung mehr, du hast die Schuld,
du hast gesagt, wir sollten mitkommen. Der Pelikan wird uns
alle gleich verschlingen, und dann ist es aus mit uns."
Plötzlich lies ein schreckliches Gelächter das Wasser erbeben.
Es war der Pelikan, der da lachte:
"Hahaha, was hab ich da für nette kleine
Fischchen gefangen, ihr tut mir von Herzen leid, ich bringe es wirklich nicht
über mich euch zu verschlingen, hahaha ... ."
"Exzellenz, Herr Pelikan," wimmerten die
winzigen Fische, "wir haben von euch außerordentlich viel Gutes gehört;
wenn ihr so gütig sein würdet, euren gnädigen Schnabel ein wenig aufzumachen,
so dass wir uns hinausbegeben könnten, dann würden wir in alle Ewigkeit für
euer Wohlergehen zu Gott flehen."
Der Pelikan vertröstete sie:
"Ich will euch ja nicht gleich verschlingen, noch
habe ich Fische genug auf Vorrat; schaut nur unter euch ... ."
Ein paar kleine und grosse Fische lagen unten im Beutel.
Die winzigen Fische jedoch jammerten weiter:
"Eure Exzellenz, Herr Pelikan, wir haben wirklich
nichts getan, wir sind unschuldig, dieser kleine schwarze Fisch hier hat uns
auf die schiefe Bahn gelockt."
"Feiglinge", rief der kleine schwarze Fisch,
"glaubt ihr denn, dieser listige Vogel ist die Güte selbst, dass ihr so um
Begnadigung bettelt?"
"Du verstehst gar nicht, was du da redest",
antworteten ihm die winzigen Fische, "gleich wirst du sehen, dass seine
Exzellenz, Herr Pelikan uns grossmütig verzeiht, dich aber straft."
"Ja", sagte der Pelikan, "ich werde
euch verzeihen, aber nur unter einer Bedingung."
Die winzigen Fische beeilten sich:
"Sagt nur welche Bedingung, euer Gnaden."
"Erwürgt diesen frechen schwarzen Fisch, damit
ihr euch die Freiheit verdient."
Der kleine schwarze Fisch wich zur Seite und mahnte:
"Geht nicht darauf ein, dieser gerissene Vogel
will uns aufeinander hetzen. Ich habe eine Idee ... ."
Die winzigen Fische hatten völlig ihren Kopf verloren; sie dachten nur an
ihre eigene Freiheit und weiter nichts.
So stürzten sie sich auf den kleinen Fisch.
Er wich ihnen immer wieder aus und sagte leise:
"Ihr Feiglinge, ihr seid sowieso gefangen und
habt keinen Ausweg, und mir seid ihr auch nicht überlegen."
"Wir müssen dich erwürgen; wir wollen unsere
Freiheit!"
"Ihr habt den Verstand verloren, auch wenn ihr
mich erwürgt, könnt ihr hier nicht heraus. Fallt doch nicht auf
seine Lügen herein."
"Das sagst du ja nur, um deine eigene Haut zu
retten. An
uns denkst du gar nicht."
"Dann hört doch mal, ich zeige euch einen Weg. Ich werde
mich zwischen den leblosen Fischen tot stellen. Dann werden wir ja sehen, ob
der Pelikan euch frei lässt oder nicht. Und wenn ihr meinen Vorschlag nicht annehmt, dann werde ich euch alle mit
diesem Dolch hier töten oder ich zerreiße den Beutel und fliehe, und ihr ... ."
"Hör doch auf", unterbrach ihn ein winziger
Fisch durch sein lautes Geheule. "Ich kann deine Worte nicht mehr
ertragen, huhuhu."
"Warum habt ihr eigentlich dieses Muttersöhnchen mitgenommen",
fragte der schwarze Fisch, und mit einem Ruck zog er seinen Dolch und hielt ihn
den winzigen Fischen vor die Augen.
Notgedrungen nahmen sie seinen Vorschlag an.
Sie täuschten einen Kampf vor; der schwarze Fisch stellte sich tot, die
winzigen Fische tauchten nach oben und sprachen:
"Exzellenz, Herr Pelikan, den frechen schwarzen Fisch haben wir
erwürgt."
"Gut so", lachte der Pelikan, "und nun werde ich euch zur
Belohnung lebendig verschlingen, damit ihr in meinem Bauch einen schönen Spaziergang
machen könnt."
Ehe sich die winzigen Fische besinnen konnten, rutschten sie schon wie ein
Blitz die Gurgel des Pelikans hinunter, und es war aus mit ihnen.
In diesem Augenblick schwang der kleine schwarze Fisch seinen Dolch,
zerriss mit einem Hieb den Beutel und flüchtete.

Der Pelikan schrie auf vor Schmerzen, schlug mit dem Kopf aufs Wasser, es
gelang ihm jedoch nicht, den kleinen Fisch wieder zu fangen.
Der schwarze Fisch schwamm und schwamm weiter, bis es Mittag wurde.
Nun lagen Berg und Tal hinter ihm, und der Fluss durchquerte eine Ebene.
Von beiden Seiten waren einige kleine Bäche in ihn gemündet und hatten sein
Wasser um ein vielfaches vermehrt.
Diese Fülle genoss der schwarze Fisch sehr.
Plötzlich bemerkte er, dass das Wasser keinen Grund hatte unter ihm.
Er schwamm nach links, er schwamm nach rechts, doch er fand kein Ufer.
Es umgab ihn soviel Wasser, dass er sich ganz verloren vorkam.
Wohin er auch schwimmen möchte, das Wasser schien kein Ende zu nehmen.
Ein grosses langes Tier schoss plötzlich wie ein Blitz auf ihn zu,
bewaffnet mit einer doppelseitigen Säge.

Für einen Augenblick fürchtete der kleine Fisch, der Sägefisch würde ihn
gleich in Stücke reissen; er gab sich einen Ruck, wich aus und eilte nach oben.
Nach einer Weile tauchte er wieder unter, um den Grund des Meeres zu
suchen.
Unterwegs stieß er auf eine Schar von Fischen, auf Tausende und
Abertausende.

Er fragte einen:
"Freund, ich bin fremd ich komme von weit her, wo sind wir hier?"
Der Befragte rief seine Freunde herbei:
"Schaut, ein Neuer."
Dann grüsste er den schwarzen Fisch mit den Worten:
"Lieber Freund, herzlich Willkommen im Meer."
Und ein Anderer fügte hinzu:
"Alle Bäche und Flüsse münden ins Meer, aber einige münden auch in den
Sumpf."
Ein dritter Fisch lud ihn ein:
"Wenn du auch willst, du kannst dich uns jederzeit anschliessen."
Der kleine schwarze Fisch war so froh, endlich das Meer erreicht zu haben:
"Vielleicht ist es besser, ich schaue mich erst ein bisschen um, bevor
ich mich euch anschliesse. Wenn ihr das nächste Mal das Netz des
Fischers in die Tiefe reisst, möchte ich so gerne dabei sein."
"Dein Wunsch wird bald in Erfüllung gehen. Sieh dich
jetzt ruhig erst ein wenig um, solltest du aber an die Oberfläche kommen, so
nimm dich in Acht vor dem Kormoran, er fürchtet sich heutzutage von niemandem
mehr. Er lässt uns keinen Tag in Ruhe, bevor er nicht vier oder fünf Fische
erbeutet hat."
Der schwarze Fisch trennte sich von der Schar und schwamm nach einiger Zeit
zum Meeresspiegel.
Die Sonne schien
warm.
Der kleine schwarze Fisch genoss ihre Wärme auf seinem Rücken.
Froh und gelassen schwamm er dahin.
Er sprach zu sich selbst:
"Der Tod kann mich jetzt sehr leicht holen, doch solange ich leben
kann, darf ich mich nicht von selbst in seine Arme stürzen. Sollte ich
ihm jedoch eines Tages begegnen, was ganz bestimmt der Fall sein wird, dann ist
es nicht wichtig. Wichtig allein ist,
welchen Wert mein Leben oder mein Tod für das Leben hat ... ."
Noch hatte er nicht zu Ende gedacht, da stürzte sich der Kormoran auf ihn,
nahm ihn in den Griff und flog mit ihm davon.

So sehr der kleine schwarze Fisch auch im Schnabel des Vogels hin und her
zappelte, er konnte sich nicht befreien.
Der Vogel hatte ihn fest im Kreuz gefasst, so dass er fast zu ersticken
drohte; wie lange kann denn ein kleiner Fisch ohne Wasser leben?
Er wünschte sich, der Vogel würde ihn gleich verschlingen, dann könnte er
in der Feuchtigkeit seines Bauches noch ein bisschen leben.
Deshalb wandte er sich an den Vogel:
"Warum verschluckst du mich denn nicht lebendig? Ich gehöre zu
der Sorte von Fischen, die nach ihrem Tode giftig werden."
Der Vogel antwortete nicht, sondern dachte im Stillen:
"O du Schlaumeier, was führst du bloß im Schilde. Du willst
mich nur zum Sprechen bringen, damit du fliehen kannst."
In der Ferne tauchte das Land auf, es rückte näher und näher.
"Wenn wir das Ufer erreichen", so dachte der kleine schwarze
Fisch bei sich, "wird es mit mir zu Ende sein."
Darum sprach er abermals zu dem Vogel:
"Ich weiss, du willst mich deinen Kindern bringen, aber wenn wir das
Land erreicht haben, bin ich tot. Und voller Gift. Warum hast du kein Erbarmen
mit deinen Kindern?"
Der Vogel überlegte:
"Ich will vorsichtig sein und dich lieber selbst fressen, und für
meine Kinder werde ich einen anderen Fisch fangen."
Und er sprach weiter zu sich selbst:
"Aber hör mal, willst du mich nicht vielleicht überlisten. Nein, du
kannst nichts tun."
Bei diesem Gedanken bemerkte er, dass der kleine schwarze Fisch
bewegungslos und schlaff wurde.
Er überlegte abermals:
"Wie, sollte er etwa doch tot sein? Dann kann ich ihn
auch selber nicht mehr fressen, verflixt, ich habe mich um einen so weichen,
zarten Fisch gebracht."
Deshalb rief er:
"He, Kleiner, hast du noch ein bisschen Leben, damit ich dich fressen
kann?"
Noch während er sprach, machte der kleine Fisch einen Sprung und stürzte
aus dem offenen Schnabel.
Der Vogel sah, dass der kleine schwarze ihn doch hereingelegt hatte und
nahm sofort die Verfolgung auf.

Wie ein Blitz überschlug sich der Fisch in der Luft, fasst betäubt von der
Sehnsucht nach Wasser, schnappte er mit dem trockenen Mund nach der feuchten
Meeresluft.
Er fiel ins Meer.
Er hatte noch nicht Atem geholt, da fiel der Vogel wie ein Pfeil über ihn
her, und dieses mal schnappte und verschlang er ihn so schnell, dass dem
kleinen Fisch erst nach ein paar Sekunden klar wurde, was mit ihm geschehen
war.
Um ihn herum war es feucht und dunkel, es gab keinen Ausgang, und irgendwo
weinte jemand.
Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit, und er entdeckte in
der Ecke einen sehr winzigen Fisch, dem die Tränen über das Gesicht kullerten,
während er immer wieder nach seiner Mutter rief.

Der schwarze Fisch näherte sich ihm und sprach:
"Steh auf, Kleiner, überlege dir lieber, wie du hier herauskommen
kannst, was nützt das Weinen nach deiner Mutter?"
Der winzige Fisch antwortete:
"Wer ... bist du ... denn? Siehst du ... denn ... nicht ..., dass ich
am ... Ende bin ... huhuhuhu mammamamma ... ich kann nicht mehr, das Netz des
Fischers ... mit dir auf den Meeresgrund ziehen, huhu mammamamma ... ."
"Hör doch auf, Menschenskind, du bringst ja Schande über alle
Fische!"
Langsam ließ das Weinen nach, und der schwarze Fisch sagte:
"Hör mir mal gut zu, ich will den Kormoran töten und die Fische vor
ihm retten. Aber vorher muss ich dir heraushelfen, damit du hier kein
Theater machen kannst."
"Du bist doch selber dem Tode nahe, wie willst du da den Kormoran
töten?"
Der Kleine schwarze Fisch zog seinen Dolch:
"Hiermit zerreise ich von innen seinen Bauch, und nun hör mir mal ganz
genau zu. Ich werde mich kräftig hin und her rollen und so den Vogel kitzeln;
wenn er seinen Schnabel zum Lachen öffnet, springst du sofort heraus."
"Und was geschieht mit dir", erkundigte sich der winzige Fisch.
"Mach dir keine Sorgen um mich; solange ich dieses Ungeheuer nicht
getötet habe, werde ich nicht herauskommen."
Dann begann der kleine schwarze Fisch sich zu drehen und zu wenden und im
Bauch des Vogels zu wühlen.
Der winzige Fisch stand am Baucheingang zum Sprung bereit.
Als der Kormoran seinen Schnabel aufriss und in Gelächter aufbrach, da
sprang der winzige Fisch in die Freiheit.

Im Wasser wartete er vergeblich auf den kleinen schwarzen Fisch.
Aber plötzlich schrie der Kormoran schrecklich auf, überschlug sich ein
paar Mal, zappelte in der Luft und knallte dumpf aufs Wasser.
Er zuckte noch heftig und trieb regungslos davon.

Der kleine schwarze Fisch aber blieb verschwunden und niemals mehr hat man
etwas von ihm gehört und gesehen.
Grossmutter Fisch hatte ihr Märchen beendet und sagte zu 12 000 ihrer
Kinder und Enkelkinder:
"Und jetzt, ist Zeit zu schlafen."
"Grossmutter, du hast uns nicht erzählt, was aus dem winzigen Fisch
wurde."
"Das erzähle ich euch morgen abend, jetzt ist Schlafenszeit, gute
Nacht."
11 999 kleine Fische sagten "gute Nacht" und
gingen schlafen.
Die Grossmutter schlief auch ein, aber ein kleiner roter Fisch fand keine
Ruhe, so sehr er sich auch bemühte, die ganze Nacht lang dachte er nur an das
Meer ... .

